Anhand der folgenden Abstufungen können Sie sich selbst ein Bild davon machen, wie Konflikte immer weiter eskalieren und auf welcher Stufe sich Ihr Konflikt befindet.

Grob zusammengefasst lässt sich sagen, dass innerhalb einer jeden Stufe die Parteien wissen, womit sie beim anderen rechnen können. Solche oft stillschweigenden Übereinkünfte (z.B. Streit nicht vor den Kollegen, regelmäßige Gespräche, etc.) werden mit der Überschreitung einer jeden weiteren Stufe gebrochen.

Hinzu kommt der Umstand, dass es den Parteien in den meisten Fällen sehr schwer fällt, eine Konfliktstufe zurückzugehen, da dies häufig als Zeichen der Schwäche gedeutet werden könnte.

1. Verhärtung

Auf dieser Stufe führt der Konflikt zu gewöhnlichen Spannungen. Jede Partei ist der Auffassung, diesen Konflikt durch regelmäßige Gespräche zu lösen bzw. die verschiedenen Standpunkte des anderen zu beleuchten.

2. Debatte

In der 2. Stufe kommt häufig sog. Subtext zum Tragen. Argumente werden subtiler, die Stacheln werden ausgefahren, es wird traktiert. Schlussfolgerungen werden extremer, es wird an Denkgewohnheiten appelliert, Zusammenhänge suggeriert und düstere Zukunftsvisionen heraufbeschworen (z.B.: Stell dir vor was passieren würde, wenn sich xy genauso verhalten würde wie du, etc.).

Die Konfliktparteien gehen davon aus, dass die vorgestellten Taktiken erlaubt sind, um ihre Ziele zu erreichen. Es besteht auch weiterhin der Wunsch, die Beziehung aufrecht zu erhalten.

3. Taten statt Worte

Sofern die Parteien erkennen, dass die verbale Auseinandersetzung nicht fruchtet, steigt der allgemeine Druck. Symbolisches und nonverbales Verhalten wird in den Vordergrund gerückt, Intentionen werden (falsch) gedeutet.

4. Image und Koalitionsbildung

Die Fronten verdichten sich zunehmend. Es reift das Gefühl, dass nur der andere oder man selbst aus dem Konflikt als Sieger hervorgehen kann.

Als Beispiel sei hier auf dementierbares Verhalten hingewiesen, also eine Aktion, die man im Nachgang ironisch entschuldigen kann (z.B. Aus „Versehen“ etwas vom Tisch fallen lassen, etc.).

Zudem bilden sich Feindbilder mit Fokus auf Fertigkeiten, Stärke und Effektivität der anderen Konfliktpartei, nicht aber auf moralische Qualitäten und Allianzen. Im Grunde geht es hier schon nicht mehr um die Sache, sondern um den Gegner. Verantwortung für Handlungen wird verneint, man fühlt sich selbst nur noch reagierend; agieren tut stets nur die andere Konfliktpartei.

5. Gesichtsverlust

Auf dieser Ebene soll die andere Konfliktpartei in eine Situation gedrängt werden, in der er in den Augen der Öffentlichkeit sein Gesicht verliert, also ein Verlust der moralischen Glaubwürdigkeit.

Es geht hierbei ausschließlich um das Wiederherstellen des eigenen Images. Sämtliche vorherigen Stufen erscheinen nunmehr dergestalt in einem anderen Licht, als das sich die Parteien schon seit langer Zeit hintergangen fühlen und eine Beziehung zur anderen Partei nicht mehr gewünscht ist.

Hauptaugenmerk ist hierbei die Glorifizierung der eigenen moralischen Werte. Da dies jede Partei macht, tritt eine Bewegungsunfähigkeit ein.

6. Drohstrategien

Auf dieser Stufe versuchen die Konfliktparteien, die Situation durch Drohungen zu kontrollieren, bei der die Drohung Abschreckung und Entschlossenheit des Drohenden ausdrücken soll. Die Gegenpartei sieht dies als glatte Provokation zur Gewalt.

Ein Zurück auf niedrigere Stufen wird zunehmend schwerer, weil daran die Glaubwürdigkeit der eigenen Person und die Kontrolle über die Situation in den Augen der Konfliktparteien gefährdet wären.

7. Begrenzte Vernichtung

Hier soll dem Gegner mit allen Mitteln empfindlichen Schaden zugefügt werden. Der Gegner wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen. Ab hier wird ein begrenzter eigener Schaden schon als Gewinn angesehen, sollte der des Gegners größer sein. Es geht also vorwiegend um Entmachtung, nicht in erster Linie um Vernichtung.

8. Zersplitterung

Nunmehr steht die Vernichtung der anderen Konfliktpartei im Vordergrund. Es herrscht beinahe so etwas wie Faszination bei diesem Gedanken.

9. Gemeinsam in den Abgrund

Es kommt zu physischer Gewalt. Ab hier wird die eigene Vernichtung mit einkalkuliert, um die andere Konfliktpartei zu besiegen.

Auf allen fortgeschrittenen Stufen stellen wir die direkte Kommunikation zwischen den Parteien wieder her, um so die wahren Interessen hinter den Forderungen der jeweiligen Partei zu offenbaren. Dadurch, dass die Parteien in Ruhe die Sichtweise der Gegenpartei hören und verstehen können, kann eine deutliche Reduzierung der Wahrnehmungsverzerrung stattfinden.

Neben dem Austausch der wechselseitigen Wahrnehmungen schaffen wir einen vertraulichen Bereich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, bei dem der offene Dialog ohne Gesichtsverlust geführt werden kann.

Gerade auf hohen Stufen –etwa ab Stufe 6- entwickelt das Mediationsverfahren eine Bindungswirkung dergestalt, dass ein ausschließliches Reagieren nicht mehr stattfinden kann. Vielmehr sind die Verhaltensregeln einer Mediation zu befolgen. Die Parteien müssen eigene Angebote machen, sie sind freie Menschen, die Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen müssen.

Deeskalation

Unsere Hauptaufgabe besteht bei eskalierenden Situationen vor allem darin, die Dynamik des Gesprächs zu entschärfen.

Hierzu werden Aussagen der jeweiligen Parteien durch verschiedene Gesprächstechniken zusammengefasst und in Ich-Botschaften übersetzt. Sofern die jeweilige Konfliktpartei von sich selbst spricht, fühlt sich der Gegenüber deutlich weniger angegriffen. Die Diskussion wird sachlicher, eine Deeskalation kann stattfinden.

Ziel einer Deeskalation ist es, dass die Parteien nicht mehr ausschließlich an den eigenen möglichen Imageverlust denken oder sich als lediglich reagierend empfinden, sondern dass ein eigenes Verantwortungsgefühl geschaffen wird – gepaart mit dem Bewusstsein einer Entscheidungsfreiheit.